Wenn die Katharina aus dem Fenster schaut, dann ist das Paulchen ab Gründonnerstag ganz versteckt. Der vertraute Anblick des Schwabenheimer Marktbrunnens ist verändert, ungewohnt, aber ganz sympathisch.
Als vor mehr als 20 Jahren eine Schwabenheimer Familie anfing, den Brunnen zu Ostern festlich herauszuputzen, gefiel das den Leuten: „Hunscht des scho geseh', ‚s Paulche' is gschmückt. Des is awwer schee! Warum net?“ – So sind die Rheinhessen: lebe und lebe lasse, auch wenn die Tradition aus Bayern kommt! Manche Katholiken meinten damals, es sei ein heidnischer Brauch und fragten den Bischof. Doch der Schwabenheimer Pfarrer konnt sie Beruhigen. „Alles halb so wild! Nur net uffrege. Sieht doch schee aus!“
Herma und Gerhard Wagner setzten sich jedes Jahr, wenn die Fastnachtskostüme wieder im Schrank verstaut waren, hin und begannen Eier auszublasen, Hunderte! Viele Nachbarn und Freunde halfen. Die Frauen dachten beim Kuchenbacken an die Eier und machten Kuchen, bei denen Eiweiß nicht vom Dotter getrennt werden musste, denn das wäre schwierig gewesen beim Ausblasen. Dann mussten die vielen Hühnereier noch bemalt werden. Welch eine Arbeit, aber auch welch eine Freude – man kam zusammen zum Eierbemalen und konnte erzählen, von früher, von Gott und der Welt. „Beim ersten Mal war alles ungewohnt. Ganz vorsichtig waren wir und wollten doch jedes Ei verwenden, obwohl das ein oder andere dann doch zu dünnhäutig war. Manch ein Ei ging dann beim Auffädeln noch zu Bruch. Anfangs waren es weniger Eier. Naturgemäß kamen jedes Jahr mehr hinzu und die übers Jahr zerbrochenen mussten ersetzt werden. Im ersten Jahr glaubten die Kinder, sie könnten die Eier am Tag vor dem Abschmücken zielgenau mit einer Fletsch oder einer Wasserpistole abschießen. Wir konnten sie gerade noch rechtzeitig davon abhalten, bevor alle kaputt waren.“
Die Kinder dachten wirklich, den Aufwand hätte man sich nur ein Mal gemacht, dabei sollte der Osterschmuck jedes Jahr wieder angebracht werden. Heute sind es 850 ausgeblasene Eier und die Girlanden bestehen noch mal aus ca. 450 Hühnereiern.
Symbolträchtig sind der Brunnen und das Ei. Der Brunnen deutet auf die Wertschätzung des lebensnotwenigen Wassers hin und die Eier stellen von alters her den Ursprung allen Lebens dar.
Mittlerweile arbeitet die dritte Generation der Familie Wagner am Osterbrunnen. Oberhalb der Brunnenschale streben grüne Girlanden in den Himmel und weisen mit bunten Blumen geschmückt auf den erwachenden Frühling hin. Bunte Bänder, die im Wind flattern, sind der Ausdruck der Lebensfreude.
Heute weiß Katharina, wenn sie auf dem Marktplatz wieder den geschmückten Brunnen sieht, dann ist bald Ostern, dann werden Spinat und Spiegeleier mit Salzkartoffeln zu Hause auf den Mittagstisch kommen, wie überall am Gründonnerstag im Selztal in Rheinhessen.
Text: Beate Rösch-Kießl, Schwabenheim